Dienstag, 14. Juli 2015

Nachruf auf einen Teppich

18 Jahre lang lag er uns zu Füßen. Täglich trampelten wir auf ihm herum. 
Die Zeit ging nicht spurlos an ihm vorüber, sie bescherte ihm Gummistiefel ebenso wie schlammverschmierte Kinderfüße und zierliche Ballerinas. Hin und wieder steckte er klaglos eine Vollwäsche weg, doch nun hat der Gute ausgedient und fand einen Nachfolger.

Wir bekamen den Teppich seinerzeit von einer Freundin aus der Slowakei geschenkt. Ihre Oma hatte ihn selbst gewebt. 
Ich muss gestehen, dass ich mir all die Jahre, in denen er da im Flur lag, kaum Gedanken über das Design und die Arbeit, die dahinter steckt, gemacht habe. Aber seit ich mich selbst mit dem Weben beschäftige, betrachte ich ihn mit anderen Augen und ziehe den Hut vor der Kunstfertigkeit, die ihn ersann.

Die beiden folgenden Fotos zeigen das gleiche Ende des Teppichs, einmal die "Oberseite", einmal die "Unterseite", oder umgekehrt.  Wer genau hinschaut, sieht, dass die Farbgebung der karierten Bereiche vorne und hinten jeweils genau umgekehrt ist. Ebenso verhält es sich mit den gelb-grauen Streifen, die die blauen Streifen flankieren.   

Die Kettfäden sind offenbar unterschiedlich dick, vielleicht auch unterschiedlich dicht angeordnet. Bei den blauen Längsstreifen bedecken sie die Schussfäden auf beiden Seiten nahezu komplett, so dass die einfarbigen Bänder zustande kommen. Bei den grau-gelben Streifen sind sie dicker und ebenfalls deckend wie Kettrips. In allen anderen Bereichen lassen sie die Farbe des Schussgarns durchscheinen, so dass Farbblöcke in unterschiedlichen Kombinationen zustande kommen. 
An den  zerschlissenen Stellen wird die Schussfolge gut erkennbar: 
Dicke Streifen – offenbar unglaublich clever kombinierte Stoffreste aus Altkleidern – wechseln sich mit dünnem Faden – ebenfalls unterschiedlicher Farbe – ab. 

Ich vermute, das dünne Garn hat den Zweck, beim gestalterischen Sortieren der Kettfäden zu helfen: Damit z.B. wie im Bild oben vier Mal nacheinander die weißen Kettfäden nach oben kommen können und die einzelnen Stoffstreifen trotzdem brav getrennt nebeneinander liegen, wurde jeweils dazwischen über das dünne Garn gewebt. 
In den Bereichen, in denen auf der Oberseite die Kettfarbe wechselt, wurde anscheinend der dünne Schussfaden zwischen den dicken weggelassen. 


Vielleicht ist diese Art der Musterbildung und Materialkombination aus dick und dünn ja für die versierten Weber ein alter Hut.
Mir erscheint es jedenfalls sehr kunstreich und pfiffig. Auch die Farbkombination finde ich sehr geglückt.  

Es tut mir direkt leid, dass das gute Stück nun ausgedient hat. Eigentlich ist es ja schon ein Museumsstück. Was mache ich nun damit? 
Der Teppich ist übrigens ca 67cm breit und 284cm lang. 

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