Dienstag, 8. September 2015

Im Museum für Sächsische Volkskunst Dresden: Von Flachsanbau bis Spitzenklöppeln

Wie der Name schon sagt, beherbergt der Jägerhof in Dresden viele sehenswerte Stücke sächsischer Volkskunst. 
Die Homepage des Museums bietet mit Text und einem kleinen Film einen Überblick über Konzeption und Themen des Museums. 

Bei meinem Museumsbesuch letzte Woche interessierten mich natürlich ganz besonders Exponate mit einem Bezug zu Textilherstellung und Textilveredelung und ich muss sagen:
Ich habe den Besuch sehr genossen!

Für alle historisch interessierten Garnwerkler und Handarbeitsfreundinnen gebe ich hier einen kleinen Bericht über meinen Museumsnachmittag und beschränke mich dabei auf den kleinen Ausschnitt der textilen Sehenswürdigkeiten dieser Sammlung. 

Alle meine Bilder sind ohne Blitz und oft durch Vitrinenglas geschossen. Daher ist die Qualität teilweise etwas mäßig. Aber sie sollen ja auch nur einen kleinen Eindruck vermitteln, mir zu Erinnerung an diesen Ausflug dienen und vielleicht die ein oder andere auf den Geschmack bringen, sich das einmal selbst anzusehen. 

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden herzlich für die Erlaubnis bedanken, die Bilder auf meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.  




Im Untergeschoss ist eine Webstube mit einem großen Webstuhl und einer sehr schönen Haspel zu sehen, 

außerdem gewinnt man Einblicke in die Blaudruckerei: Vorne im Bild die Model, mit denen die Substanz auf den Stoff aufgetrgen wurde, die eine Aufnahme der Farbe verhinderte. Hinten der Bottich für die Küpe. 

Vor allem in der Gegend um Annaberg-Buchholz wurde sehr viel Klöppelei betrieben. 
Rechts und links im Bild mit dem Klöppelkissen hängen bunte Borten am Vitrinenfenster. 
Obwohl meine Vorfahren Bandwirker waren, war mir überhaupt nicht klar, dass die Fertigung solcher kunstvollen Bänder eine lange handwerkliche Tradition hat, ich hielt sie bisher immer für postmoderne Industrieware. Allerdings webte mein Urgroßvater auch "nur" Herrenhutbänder. Da mussten keine Rosen und Ranken drauf.  

Über dem Klöppelkissen steht ein unglaublich filigranes Modell solch eines Bandwebstuhls in der Vitrine. 
Das Band, das man vorne hängen sieht, ist ca 5mm breit und wurde offenbar auf diesem Miniwebstuhl gewebt, jedenfalls ist beim Blick von vorne ein angefangenes Band zu sehen. Ganz schön beeindruckend. 


Auch dieses Nähkästchen in Buchformat lässt mein Handarbeitsherz höher schlagen.
(In der Vitrine drunter liegt übrigens ein Stickmustertuch.)


Ganz besonders hat mich eine "Modellreihe: vom Flachs zum Leinen" aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeindruckt. 
Die Figuren sind höchstens 10cm groß, eher kleiner: 

Was die Frau hinten im Bild macht, weiß ich nicht. Sammelt sie Leinsamen für die Saat im nächsten Jahr? Die beiden anderen brechen den Flachs, um die wertvollen Fasern vom holzigen Kern des Stengels zu trennen. 

Hier kommt die Flachshechel zum Einsatz: Die langen, guten Fasern werden von den kurzen Fasern und anderen unbrauchbaren Pflanzenresten getrennt. 

Die Fasern werden geordnet..... 

.... und zu einer Art Zöpfen gedreht.  

Dann werden sie auf den Rocken gebunden. 

Was hier passiert, weiß ich nicht. Sieht ein bisschen wie Wolle kardieren aus. 

Ich denke, die rechte Frau zeigt das Spinnen des Garns, aber dem Modell ist die Spindel verloren gegangen. 
Flachs lässt sich besser spinnen, wenn die Fasern angefeuchtet werden, deshalb steht die Schüssel auf dem Bänckchen.
Die linke Figur wickelt das fertige Garn auf die eine Kreuzhaspel. 

Hier wird das Garn von der Haspel auf Spulen gewickelt, die dann in Webschiffchen eingelegt werden und das Schussgarn liefern. 

Die Kettfäden werden geschärt, also in gleicher Länge zugerichtet, bevor sie auf den Webstuhl kommen. 

Dann geht es an den Webstuhl: Im rechten Modell wird die Kette eingerichtet, im linken dann endlich gewebt.  
(In der Vitrine darunter übrigens verschiedene Ellen, also "Maßstäbe" zum Stoffabmessen)

War das Gewebe fertig, dann wollte man es natürlich so verarbeiten, dass möglichst wenig Abfall anfällt.  
Der Schnitt für das Hemd, das laut Museumsbeschreibung von Männern wie Frauen Tag und Nacht getragen wurde, war so ausgeklügelt, dass jedes Stück des Stoffes ausgenutzt wurde. 
Eine Art Puzzle zeigt, wie es geht:


So, nun geht es weiter in den ersten Stock des Museums: 

In der Mitte des Raumes zeigen verschiedene lebensgroße Puppen sorbische und Altenburger Trachten, natürlich oft mit sehr aufwändigen Handarbeiten verziert, wie z.B. diese Schürze: 
(Die gewebten Rockstoffe sind auch sehr sehenswert.)

Die textile Schatzkiste und für mich das absolute Highlight des Museums steht jedoch farb- und textilschonend in einer dunklen Ecke des Raumes: 

Ein große "Kommode" birgt einen bemerkenswerten Schatz textiler Kostbarkeiten in ihren 30 oder 36 großen Schubladen. 
(Habe sie nicht genau gezählt, aber es sind drei "Spalten" mit je 10 oder 12 großen Schubladen). 
Sie enthalten unter anderem vier Strickmusterbänder, die unglaublich fein gearbeitet sind, etliche Stickmustertücher, Musterbücher und Musterproben für die verlagsorganisierte Klöppelspitzenproduktion ebenso wie Schülerarbeiten aus dem Klöppelunterricht, unterschiedliche Webstoffe, Perlenstickereien, Häkelborten, Strickstrümpfe und und und.

Ich konnte mich gar nicht sattsehen. 
Fotos gibt es davon keine, denn Glasscheiben über Schubladen in einer dunklen Ecke: 
Das wird nix. Außerdem musste ich ja gucken. 
Falls ich einen Wunsch an eine gute Museumsfee frei hätte, würde ich mir einen Katalog mit guten Fotos vom Inhalt dieser Kommode wünschen, und zwar mit ausgebreiteten Strickmusterbändern und allen Seiten der Musterbücher... 
Bis dahin hilft wohl bloß: Irgendwann nochmal hinfahren und nachmal gucken und staunen. 


PS: Übrigens wird in dem Museum auch ein Spinnkurs angeboten. 


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