unbezahlte Werbung

Werbehinweis: Mein Blog dient vor allem mir selbst als Gedächtnisstütze. Daher werden Firmen und Marken genannt, deren Materialien bzw. Designs ich verwende. Teilweise ist die Nennung auch zur Kennzeichnung von Urheberrechten notwendig. Außerdem werbe ich hier für meinen eigenen Werkstattladen. Ich werde nicht für Werbung bezahlt.

Mittwoch, 24. Februar 2021

Upcyling: Von der Lust am Sammeln und Verwerten – und der Last

"Zweites Leben" 

Schon lange stehen die Beiträge in dieser Rubrik meines Blogs mengenmäßig ganz weit vorne, zur Zeit an zweiter Stelle. 
Neudeutsch würde dieses "Label" übrigens "Upcycling" heißen.  

Wer hier regelmäßig liest, hat es vielleicht schon gemerkt: Ausrangierte Hosen, alte Wäsche oder Vorhänge, Stoffreste in Schnipselgröße, Altpapier, Wollreste und Abfallwolle  – es gibt kaum etwas, aus dem sich nicht noch etwas Neues, Schönes, Nützliches, Brauchbares machen ließe.

Ich schaue Abfall an und sehe Rohstoff.
Vor meinem inneren Auge erscheint das, was daraus werden kann oder was es sein könnte.  
Manchmal setze ich es um.
Oft fehlt die Zeit dazu.
Manchmal auch die Notwendigkeit, denn nicht alles, was ich machen könnte, hat Platz in meinem Leben. 

Der Blick, der im Müll das Potential entdeckt, wurde mir in die Wiege gelegt: 
Wickelte meine Mutter die Schokolade aus dem Stanniolpapier, dann konnte daraus in ihren Händen in wenigen Minuten das vollständige Geschirr für eine Puppenküche entstehen 
Teller, Tassen, Schüsseln, ein Kelch mit einem langen Stiel.
Manchmal erzählte sie dann: Sie hätte so gerne eine eigene Puppe gehabt. 
Das war für jedes der sieben Geschwister in Kriegszeiten aber nicht drin. 
Der Vater und ein großer Bruder waren im Feld, die Mutter – meine Oma – musste sehen, wie sie die Familie durchbrachte. "Wir haben in Bombentrichtern gespielt, unser Spielzeug war das, was wir dort fanden", erzählte meine Mutter manchmal.
Stanniolpapier (und Schokolade) gab es erst nach dem Krieg, jedenfalls für sie. 

In diesen Zeiten war es überlebensnotwendig, zu verwenden und verwerten, was da war.
Meine Mutter konnte aus allem etwas machen und sie hatte einen unglaublich guten Blick für Farben und Proportionen. Was sie anpackte, sah hinterher nach was aus, fing den Blick, wurde zur Augenweide.

In meinem Elternhaus wurde nichts weggeworfen:
Das kann man noch brauchen; da kann man noch was draus machen; vielleicht braucht es jemand anders, dem man es geben kann, und der sich darüber freut. 

Diese Einstellung ist typisch für die Generation der Kriegskinder.
Und es ist eine sinnvolle Einstellung im Hinblick auf die Ressourcen unserer Erde. 
Eine sehr sinnvolle. 
Überlebensnotwendig für unseren Planeten. 

So bin ich dankbar, in diesem Sinne erzogen worden zu sein und den Blick meiner Mutter ein Stück weit geerbt zu haben. 

In unseren Zeiten und in unserer Gesellschaft ist diese Fähigkeit aber auch eine Last:
Es gibt von allem viel zu viel. Und man kann nicht alles aufheben. 
Doch als Tochter meiner Eltern fällt es mir unendlich schwer, Dinge zu entsorgen, die noch zu etwas taugen (könnten). So sammelt sich einiges an (nicht zuletzt auch deshalb, weil es Menschen gibt, die mir vorbeibringen, was ihnen noch zu gut zum Wegwerfen erscheint) und manchmal habe ich das Gefühl, das verstopft mein Leiben. 



Manchmal überkommt mich ein großer Zorn. 

Ich denke zum Beispiel an all den Ramsch, den unsere Kinder in Kindergärten, Schulen und Vereinen so im Laufe der Jahre geschenkt bekamen: 
Wie viele minderwertige Trinkflaschen aus besonders energieaufwendig zu verarbeitendem Alu waren darunter? Bei keiner schloss der Deckel dicht, so dass sie alle mehr oder weniger ungenutzt im fein säuberlich sortierten Müll landeten – selbstverständlich im passenden. Ebenso die Brotzeitboxen mit Werbeaufdruck, bei denen in kürzester Frist das Scharnier platzte. 
Und all die Figürchen und das Kleinzeug, oft blinkend mit Elektronik und Batterien versehen, produziert in Fernost unter miserablen Bedingungen für die Arbeiter, einmal um die halbe Welt geschippert, wobei tonnenweise Schweröl verbrannt und die Abgase in die Luft geblasen wurden, dann auf den LKW verladen und quer durchs Land gefahren, um als Werbegeschenk einer Bank einmal angesehen, dreimal aufgeräumt oder von rechts nach links gestellt zu werden, dann entsorgt, natürlich 
sortenrein, um zum Beispiel wiederum unter Einsatz von Schweröl nach Fernost oder Afrika geschippert und dort unter prekären Arbeitsbedingungen zu neuem Müll recycelt oder trotz der richtigen Mülltrennung auf einer Müllhalde in Gambia unkontrolliert verbrannt zu werden. 

Wie viele der Laster, die die Autobahnen verstopfen und unser Tal tagein tagaus mit Lärm und Abgasen erfüllen, haben solche Einwegware geladen? Dinge, die nur produziert werden, um sie ganz schnell wieder wegzuwerfen. Oder Klamotten, die nie oder kaum getragen werden. Welch unglaubliche Ressourcen-Verschwendung für nichts und wieder nichts! Welcher Zynismus all jenen Menschen gegenüber, denen das Nötigste zum Leben fehlt und jenen, die ausgebeutet werden, damit dieser Müll so billig produziert und herumgefahren werden kann. Welche Abwertung von Arbeits- und Lebenszeit – die Zeit jener, die gezwungen werden, in ihrer Lebenszeit Einwegwaren herzustellen und auch jener, die Dinge nachhaltig produzieren, sich aber neben der Masse nicht behaupten können und deren Mühe überflüssig erscheint.

Manchmal überkommt mich ein großer Frust. 

Ich kann aus vielen alten Dingen Neues machen. 
Zum Beispiel aus alten Stoffen warme und kunstvolle Decken oder allerlei Behältnisse wie Taschen und Beutel, auch neue Kleidung oder Stofftierchen.
Aus Wolle – am liebsten vom Schaf um die Ecke – spinne ich Garn, stricke was uns wärmt.
Es entsteht Nützliches und Schönes.
Soweit so gut. Sinnvoll für unseren Planeten allemal. 



Aber das, was sich im Lauf der Jahre an "Rohstoffen" hier so angesammelt hat, reicht für weit mehr als den Eigenbedarf.
Ich sehe das Potential der Dinge. Ich sehe, was sie werden könnten, wozu sie nütze wären, wenn,  – 
ja, wenn es denn nicht von allem ohnehin schon viel zu viel gäbe. 
Jedenfalls hier und jetzt. 

Manchmal habe ich das Gefühl, das führt mein Tun ad absurdum. 

Zu allen Zeiten haben Menschen die Dinge gestaltet und verziert, die sie täglich sehen und nutzen. In vielen Museen kann man Zeugnisse davon bewundern.

Auch in meinem Besitz befindet sich manches museumsreife Stück. 
Schöpferisches Tun liegt im Wesen des Menschseins. Davon bin ich überzeugt.
Kreativität ist im Menschen angelegt, tut gut, ist vielleicht sogar lebensnotwendig. 
Der Näh- und Strickboom bringt diese Notwendigkeit gerade auch in diesen unseren technologiegesteuerten Zeiten zum Ausdruck. 
Kreativität ist notwendig. Doch die Dinge, die daraus entstehen, sind heute, jetzt und hier oft genug nicht notwendig. 

Dieser Überfluss nimmt mir manchmal die Lust an der Kreativität. Ich frage mich nach dem Sinn – und finde keine Antwort. 

In den letzten Tagen habe ich viel aufgeräumt; über Kleinanzeigen in dem ein oder anderen kreativen Forum manches Stück weitergegeben. Der Aufwand ist enorm (fotografieren, posten, beschreiben, die verschiedenen Interessenten und Sachen im Blick behalten und nicht durcheinanderbringen, verpacken, Adresszettel ausfüllen, Geldeingänge überprüfen, zur Post fahren usw.).

Lohnt sich das?
All der Aufwand nur, damit die Dinge nochmal einen Nutzen haben, ein zweites Leben bekommen? 


Oder vielmehr deshalb, weil ich so erzogen wurde, dass man nichts wegwirft, was man oder jemand noch brauchen könnte und ich mich davon so schwer befreien kann? 

Ich weiß es nicht. 
Der Weg zur Mülltonne wäre definitiv kürzer.  

Und ich habe definitiv immer noch viel zu viel Zeug. 
Das mir oft genug im Weg rumliegt und manchmal auf den Nerv geht.
Heute zum Beispiel. 

Deshalb gibt es heute diesen langen, nachdenklichen Text, der Fragen aufwirft und keine Antworten weiß. 

Und morgen? 

Morgen freue ich mich wieder an den vielen verwertbaren Dingen in jenem Schrank, den ich "Dornröschens Schatzkiste" nenne. 
An jenen Stoffen, die als Rohstoff dienen können, ohne dass neue Ressourcen verbraucht und Energie auf weiten Wegen verschwendet werden müssen.
Materialien, die sich schon bewährt haben und wieder bewähren werden.
Gewebe, die Geschichten erzählen, zum Beispiel davon, dass auch hierzulande früher Textilien von Anfang bis Ende produziert wurden, in guter Qualität, auf eine lange Lebensdauer ausgelegt.
Auch an jenen fertigen Dingen, die ihren Dienst schon hinter sich haben und in ihrer Schönheit einfach nur noch da sein dürfen, um von der Kreativität der Menschen vergangener Tage zu berichten.  

Morgen freue ich mich wieder, dass ich aus dem Vollen schöpfen kann, aus dem, was sowieso schon da ist. Dass ich Neues aus Altem schaffen kann.

Vielleicht eröffne ich morgen einen Flohmarkt, um meine Schätze zu teilen und von meinem Überfluss abzugeben. Oder übermorgen. Oder dann, wenn ich die Lust dazu habe. 
Obwohl der Aufwand enorm und der Weg zur Mülltonne kürzer ist. 
Damit viele Dinge aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden und ein 
"Zweites Leben" bekommen.

Mal sehen.  


 

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele!
    Vermutlich hast du ein ähnlich großes Materiallager wie ich. Auch ich bekomme die Sachen geschenkt, die andere "zu schade zum Wegwerfen" finden. Und in meinem Kopf entstehen unendlich viele Ideen, was daraus zu machen wäre. Nur die Zeit setzt Grenzen, ich müsste mehrere hundert Jahre leben, um das alles zu verwirklichen.
    Auch ich bin zusammen mit meinen fünf Geschwistern unter einfachsten Bedingungen aufgewachsen. Trotzdem haben wir uns sehr unterschiedlich entwickelt. Die Kreativität (und leider auch den Hang zur Unordnung) habe ich wohl von meinem Vater geerbt, mehr als meine Geschwister. Dafür bin ich dankbar. Unsere Möglichkeiten, alten Sachen wieder Leben einzuhauchen, ist doch wunderbar!
    Da gibt es dümmere Hobbies ;o). Und in gewisser Weise hat es ja manchmal auch Vorbildcharakter für unser Umfeld. Zumindest den Hang zum "Reparieren statt Wegwerfen" haben meine Kinder - jedes auf seine Weise - übernommen.
    Freu dich also über deine Kreativität. Auch mir machst du damit Freude, ich lese gern in deinem Blog!

    LG Rosi

    AntwortenLöschen
  2. Ach, da geht es uns wohl ganz ähnlich und ich kann deinen Post mit unterschreiben. (Fast) das ganze Haus ist voll mit Dingen, die man nicht benötigt, die aber zum Wegwerfen zu schade sind. Man könnte es ja noch einmal brauchen, oder, bei Textilien, umarbeiten. Wer braucht aber Dutzende Decken, egal ob gepatcht, gestrickt, gehäkelt? Wer braucht mehr als zwei oder drei kleine selbstgenähte Taschen? Kein Mensch. Manchmal fühle ich mich auch, als ob ich unter dem ganzen Zeug keine Luft mehr bekomme, ich fühle mich ausgebremst und leer. Keine Ideen mehr. Am besten Schränke zu und nicht mehr hinsehen. Als ganz gute Methode hat sich bei mir erwiesen, die Dinge in große Umzugskartons zu packen und auszulagern, falls Du Platz dazu hast. Sie sind aus den Augen, aber immer noch da. Notfalls habe ich Zugriff darauf, aber sie blockieren mich nicht. In dieser Hinsicht bin ich Egoist: Nach mir die Sintflut, meine Nachkommen dürfen irgendwann die Sachen entweder ungesichtet entsorgen oder sich über die Schätze freuen.
    Die Medaillen würde ich in einen Karton legen und den Jungs in die Hand drücken: Es sind ihre Medaillen und sie müssen selbst entscheiden was damit passieren soll. Falls sie schon aus dem Haus sind, dann wäre das doch mal ein gutes Mitbringsel....ansonsten heb sie auf und übergib das "Mitbringsel" zu späterer Zeit. Bei uns hängen auch Dutzende von Medaillen und keiner sieht sie an. BIs mein Sohn irgendwann eine eigene Wohnung hat, bleiben sie da wo sie sind: im Kinderzimmer. Auch hier kann ich deine Gedanken wegen der Ressourcenverschwendung sehr sehr gut nachvollziehen.
    Glaub mir, mir gehts wirklich ähnlich, ich habe Textilien aus mehreren Haushalten, alles Familie, das muß ich behalten, sonst gehts meiner Seele nicht gut, obwohl das Aufbewahren auch eine Last ist.
    Mein Mann hebt übrigens im Schuppen auch alles auf, was irgendwie und irgendwann mal noch zu gebrauchen sein könnte....Du bist nicht allein.
    Dicker Drücker und ganz herzliche Grüße
    Susan
    Ich lese gerne deinen Blog, auch wenn ich nicht immer was schreibe.

    AntwortenLöschen
  3. So eine Post hätte ich und wohl ganz viele Kreative schreiben können, so viel Wahres mit Wiedererkennungswert. Alles aufheben, man kann es ja irgendwann gebrauchen... 1000 Ideen und der Tag hat nur 24 Stunden... es ist manchmal wie in einer Zwickmühle.
    Aber ohne all das kann ich mir mein Leben auch nicht vorstellen. Gerade jetzt, wo die
    Geschäfte geschlossen sind, greife ich so gern auf meine Vorräte und Schätze zurück, verbrauche so was da ist.
    Wenn ich die Kinderzimmer von den Enkelkindern sehe... kommen mir auch oft Zweifel, Unterstützung gibt es da keine von mir. Ich nähe und stricke lieber ein paar Geschenke und Mitbringsel.
    Danke für deine offenen und ehrlichen Zeilen.
    Lieben Inselgruß
    Kerstin

    AntwortenLöschen
  4. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr du mir aus der Seele sprichst.
    Ich leide auch darunter, dass es bei uns von allem zu viel gibt.
    Wir haben letztes Jahr auch den Haushalt der Schwiegereltern auflösen müssen... und natürlich konnte ich die Maxime nicht durchhalten, dass für jedes Teil, das bei uns reinwandert, ein anderes rausgeht...
    Gute geht bei mir, dass ich Dinge, die noch gut sind, in eine Kiste packe und meiner Schwester gebe. Sie wohnt in einer Studententenstadt und stellt die Kiste einfach vors Haus, relativ schnell leert sich die Kiste dann. Wenn ich das so schreibe, kribbelt es mir gleich wieder in den Fingern, eine solche Kiste zu packen ;-)

    AntwortenLöschen
  5. Ich kann deine Gedanken voll und ganz verstehen- und doch finde ich auch, dass man so vielem noch zu einem 2ten Leben verhelfen kann und soll! Gerade auch, wenn man so tolle Sachen daraus zaubert wie du und viele andere hier im Land der Blogger. (Das Kleid!! Es wäre genau meins....genial!) Es kann doch nicht sein, dass wir massenhaft Ressourcen in den Müll schmeissen. Deine Idee mit dem Flohmarkt finde ich top, verschenken geht doch auch, Freude weitergeben ist immer richtig. Und alleine schon der Akt des Herstellens wird dir gute Gefühle vermitteln. Also: immer weiter so!
    Hier gibt es ManitouseiDank kaum noch Überflüssiges. Seit Jahren minimiere ich meinen Besitz, räume aus, gebe Dinge weg. Und es fühlt sich einfach grossartig an! Ich darf behaupten, dass es in unserem Zuhause nur noch wenig gibt, das wir nicht wirklich BRAUCHEN- und dann sind es geliebte Erbstücke oder Geschenke. Aber was für die Seele braucht man doch unbedingt, nichtwahr??
    Das einzige, was ich noch in vielen Schachteln horte, ist mein Bastelmaterial. Aber das kann ich nicht weggeben- viel zu oft ist es mir zu was nütze! 😄
    Einen schönen Abend dir, herzliche Grüsse!
    FrauHummel

    AntwortenLöschen